Sportunterricht – geliebt oder gehasst

17. April 2023

Deutschlandradio Kultur packt ein Thema an, das uns alle angeht: Schulsport und Motivation oder auch Demotivation zum Sporttreiben.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/sport-schule-motivation-100.html

Ein Kommentar von Georg Wydra

Über kein Fach werden so unterschiedliche Stellungnahmen abgegeben wie über den Sportunterricht. Der Sportunterricht ist, wenn man sich alle Bewertungen anschaut, das beliebteste Fach in der Schule. Aber wenn man differenziert hinschaut, sieht man, dass doch viele Kinder und Jugendliche – und später auch noch Erwachsene – mit unserem Fach auf dem Kriegsfuß stehen.

Woran liegt das? Meiner Meinung nach liegt es an den leiblichen Erfahrungen, die man im Sport und Sportunterricht sammeln kann. Mehr als jedes andere Fach kann der Sportunterricht authentische Erfahrungen vermitteln. Diese sind bei den meisten positiv besetzt: Das Gefühl des Könnens, wie es Ommo Grupe genannt hat. Aber wo positive Erfahrungen gesammelt werden können, können auch negative Erfahrungen gesammelt werden. Wie in jedem anderen Schulfach auch. Aber im
Sportunterricht sind diese Erfahrungen mit der gesamten Persönlichkeit verbunden. Im Sportunterricht ist man leiblich präsent und muss sich auch körperlich – oder besser leiblich – präsentieren. Man kann sich nicht verstecken. Die Erfahrungen sind authentisch, weil sie am eigenen Leib erfahren und durchlebt werden müssen. Und das scheint mir der entscheidende Unterschied zwischen den Erfahrungen der Inkompetenz in den „normalen“ Schulfächern und denen im Sportunterricht zu sein.

Viele Jugendliche haben mit ihrer körperlichen Reifung Probleme. Nicht zuletzt die medial vermittelten Bilder des perfekten Körpers tragen dazu bei. Die Zahl der Mädchen mit Körperdysmorphobie und damit verbundenen Erkrankungen, wie z. B. der Anorexia nervosa, spricht für sich. Im Sportunterricht wird
dieses vulnerable Selbstkonzept einem weiteren Belastungstest ausgesetzt: Die den Mädchen – und auch Jungen – bewusste Unvollkommen- und Mangelhaftigkeit des eigenen – eh schon verhassten Körpers – muss öffentlich für jeden sichtbar präsentiert werden. Aus dieser Situation gibt es scheinbar nur einen Weg, den Weg auf die Bank.

Statt über den „unberechtigten und tendenziösen Beitrag“ des Deutschlandfunk Kultur zu schimpfen, sollten wir uns alle Gedanken darüber machen, welche anderen Wege wir den betroffenen Mädchen und Jungen, denen der Sportunterricht egal oder gar verhasst ist, aufzeigen können, damit sie Spiel und Sport als eine mögliche Quelle des Wohlbefindens erfahren und schätzen lernen.